
„Nach dem Tod ihres Vaters kehrt Alma in ihre Heimatstadt Triest zurück. Hier begegnet sie ihrer Jugendliebe Vili wieder, der ihr nun das väterliche Erbe übergeben soll. Zwischen den Erinnerungen an die Habsburger Kaffeehäuser ihrer Großeltern, an endlose Kindheitssommer und die Straße gen Osten, auf der ihr Vater einst immer wieder verschwand, wird Alma mit Fragen nach Herkunft, Liebe und Identität konfrontiert.“ Die italienische Schriftstellerin Federica Manzon gehört zu den interessantesten Stimmen der zeitgenössischen europäischen Literatur. Geboren in Trieste, jener Stadt zwischen Italien, Mitteleuropa und Balkan, ist ihr Schreiben stark geprägt von Grenzräumen, Erinnerung und der Frage nach Herkunft und Identität.
Federica Manzon arbeitete viele Jahre im literarischen Betrieb, unter anderem als Lektorin beim Verlag Guanda und als Dozentin an der von Alessandro Baricco gegründeten Scuola Holden in Turin. Diese doppelte Perspektive – als Autorin und als leidenschaftliche Vermittlerin von Literatur – prägt auch ihr Werk.
Bereits ihre frühen Romane wie Il bosco del confine und Come si dice addio machten deutlich, worum es Manzon literarisch geht: um die unsichtbaren Linien zwischen Ländern, Sprachen und Erinnerungen.
Mit ihrem Roman Alma hat sie nun ein Werk geschrieben, das viele Leserinnen und Leser besonders berührt. Alma ist nicht nur der Name einer Figur. Alma ist auch ein Echo der Geschichte, ein Spiegel jener europäischen Landschaften, in denen Identität nie eindeutig ist. Der Roman bewegt sich zwischen Triest, dem Balkan und den Spuren der Vergangenheit – zwischen Familiengeschichte, politischer Erinnerung und persönlicher Suche. Das Gespräch mit der unglaublich inspirierenden Autorin im Februar 2026 Literaturhaus München wurde auf italienisch geführt – laStaempfli übersetzt die wichtigsten Passagen und lässt aber die tolle Stimme und die Persönlichkeit von Federica Manzon auch im Original rüberkommen.
Im Gespräch zeigt sich Federica Manzon als eine Autorin, die mit großer Sensibilität über Erinnerung, Zugehörigkeit und das Schreiben selbst spricht. Ihr Blick auf Europa ist weder nostalgisch noch ideologisch – sondern geprägt von Neugier, Empathie, den poetischen Zwischentönen in einer komplexen Welt und literarischer Genauigkeit.
Vielleicht ist genau das die besondere Qualität von Federica Manzons Büchern: Sie erinnert uns daran, dass Identität kein fertiger Zustand ist, sondern eine Reise – über Grenzen, Zeiten und Geschichten hinweg.

„Es gibt Bücher, die liest man, und es gibt Bücher, die lesen einen. Alma von Federica Manzon gehört zu letzterem. Ich habe diesen Roman nicht einfach gelesen – ich bin durch ihn gegangen wie durch Triest selbst: eine Stadt der Übergänge, der Winde, der gebrochenen Biografien und der grossen europäischen Fragen.
Federica Manzon erzählt keine klassische Frauenfigur. Alma ist keine Heldin im Instagram-Sinn unserer Zeit. Sie ist keine Selbstoptimierungsfigur. Sie ist eine Suchende. Und genau das macht diesen Roman so radikal. Denn in einer Zeit, in der alle wissen sollen, wer sie sind, erzählt Manzon von einer Frau, die herausfinden muss, wer sie überhaupt sein kann.
Das ist grosse europäische Literatur.
Mich hat besonders beeindruckt, wie hier Geschichte nicht als Ideologie erzählt wird, sondern als Erfahrung. Triest ist bei Manzon kein touristischer Sehnsuchtsort, sondern eine Denklandschaft Europas: Habsburg, Kalter Krieg, italienische Identität, slowenische Geschichten, Migration, Erinnerung – alles liegt übereinander wie geologische Schichten der europäischen Seele.
Und Alma bewegt sich darin wie wir alle: zwischen Herkunft und Freiheit.
Was ich an diesem Buch so schätze: Es ist kein moralisches Buch. Es ist ein Urteilskraft-Buch im besten Sinne Hannah Arendts. Es zwingt nicht zu Positionen, sondern öffnet Räume des Denkens. Es zeigt, dass Identität nichts Festes ist, sondern etwas, das wir im Leben immer wieder neu verhandeln müssen.“
