
Das Mittelalter ist finster, die Kirche allmächtig, die Welt unbeweglich, die Menschen sind abergläubisch, die Männer herrschen und die Frauen leiden – so ungefähr lautet die handliche Kurzfassung von tausend Jahren europäischer Geschichte, die sich in unseren Köpfen festgesetzt hat und die so bequem ist, weil sie nichts erklärt, sondern alles mit einem einzigen Wort verdunkelt: Mittelalter.
Dieses Mittelalter, das weniger eine Epoche als eine Projektionsfläche darstellt, beginnt irgendwo nach dem Untergang Roms, endet irgendwann mit Renaissance, Buchdruck oder Entdeckung Amerikas und dient der Moderne vor allem dazu, sich selbst für aufgeklärt zu halten. Je schwärzer der Hintergrund, desto heller leuchtet die Gegenwart; je stummer die Menschen der Vergangenheit erscheinen, desto vernünftiger können wir uns vorkommen. Das sogenannte finstere Mittelalter ist deshalb vielleicht der erfolgreichste Selbstbetrug der Neuzeit. Es erzählt nicht, wie Menschen zwischen dem fünften und fünfzehnten Jahrhundert lebten, sondern wie spätere Jahrhunderte über sie urteilen wollten.
Wer in die Stiftsbibliothek St.Gallen tritt, muss diesen Irrtum beinahe zwangsläufig zurücklassen. Denn hier liegt das Mittelalter nicht als dunkler Block vor uns, sondern als eine Welt aus Stimmen, Farben, Zeichen, Berührungen, Korrekturen, Gebrauchsspuren und widersprüchlichen Lebensentwürfen. Hier sind die Jahrhunderte nicht verschwunden. Sie haben sich in Pergament eingeschrieben, in Tinte abgelagert, in Initialen und Randbemerkungen erhalten. Ein Buch ist hier niemals nur ein Buch. Es ist Tierhaut und Arbeitszeit, Gedächtnis und Macht, Glaube und Verwaltung, Schönheit und Disziplin, ein Gegenstand, der getragen, verschenkt, geraubt, versteckt, gerettet, gelesen und weitergegeben wurde.
Und mitten in dieser scheinbar so männlichen Welt des ehemaligen Gallusklosters treten in der Sommerausstellung 2026 die Frauen hervor.

Nicht eine einzige idealisierte mittelalterliche Frau, nicht die Frau als ewige Heilige, Mutter, Verführerin oder Opferfigur, sondern Frauen in der Mehrzahl: Inklusinnen und Nonnen, Mächtige und Dienerinnen, Produzentinnen und Mütter, Widerständige; Herrscherinnen, Äbtissinnen, Schreiberinnen, Heilerinnen, belesene Klosterfrauen und hart arbeitende Mägde. Genau darin liegt die Stärke der Ausstellung «Frauen – Weibliche Lebenswelten im Mittelalter»: Sie ersetzt ein Klischee nicht durch ein anderes, sondern öffnet die Geschichte für die Vielfalt der Lebensformen.
Hören Sie den Kunstpodcast von laStaempfli: „Die Frauen, die Europa machten. Über Vitrinen gegen das Vergessen.“ Bilder sind alle von laStaempfli






Link zur Stiftsbibliothek St Gallen: https://stiftsbezirk.ch/de/stiftsbibliothek/
