
„Sie ist Mitteleuropa, denkt er. Sie ist Wien. Sie ist Österreich. Sie ist ein silberner Kaffeelöffel. Sie ist Schlagobers. Sie ist Schnaps. Sie ist Strudel, staubzuckerbestäubt. Sie ist das Geräusch höflichen Beifalls. Sie ist ein Luster. Sie ist ein Samtvorhang.“ Zitat aus der wunderschönen „edition clandestin“ – zitiert nach Deborah Levy, „Black Vodka.“
Anhand sinnlicher Erinnerungen begab sich die schweizerisch-österreichische Künstlerin Ruth E. Herzka, die der zweiten Generation (2nd Generation) nach der Shoa angehört, auf die Suche nach dem Abwesenden, Verlorenen. Die Dokumentation ihrer bildnerischen Arbeiten in Auseinandersetzung mit ihren Grossmüttern, die sie selbst nie gekannt hat, bilden zusammen mit Fotos von Reisen in die Herkunftsländer ihrer Grossväter ein Ganzes. Gespräche mit der Künstlerin und Texte von Gastautor:innen runden das Künstlerinnenbuch ab.
VON DEN SPUREN DES ERINNERNS IN DER KUNST UND GEGENWART. SCHRIFTLICHES INTERVIEW MIT RUTH E. HERZKA VON REGULA STÄMPFLI.
Hier das Interview schriftlich, das laStaempfli und Ruth E. Herzka vorbereitet haben und das theoretisch noch klarer erzählt als der Podcast und das mündliche Gespräch, das durch die Technikübertragung etwas an Spontaneität verloren hat. In der Kombination hier auf artisapieceofcake ein Kunstwerk on ist own.



Ruth E. Herzka Ich möchte mit Dir nicht einfach über Kunst sprechen, sondern mit Dir hineingehen in diesen Moment, in dem ein Bild entsteht, sich formt, sich widersetzt, sich vielleicht auch entzieht; wie, wo beginnst Du?
R.H. Das Vorbewusste kann frau sich wie ein Wartezimmer vorstellen. Durch den künstlerischen Prozess werden Erinnerungen, Erfahrungen aktiviert und ins Bewusstsein geholt. Ausgangspunkt ist für mich dabei oft Fotomaterial, eine bestimmte Materialität oder Farbigkeit mit einer bestimmten Stimmung, die bei mir dieses Material hervorruft.
Daughterland, wie kam es dazu?
R.H. Über die Jahre habe ich einige Kunstprojekte durchgeführt, die ich zusammen mit den Recherchen dazu in eine Form bringen wollte. Dafür schien mir ein Künstlerinnenbuch am geeignetsten, da diese Dokumentation so auch in einen Dialog mit der Leserschaft gestellt wird. Die Begegnung mit der Verlegerin von edition clandestin war dabei ein Glücksfall, da sie jahrzehntelange Erfahrung in der Herausgabe von Künstler:innenbüchern hat und im Nu erfasst hat, worum es mir bei diesem Projekt geht. Die Zusammenarbeit mit der Wiener Buchgestalterin Martina Gaigg war wunderbar. Sie hat diesem Anliegen mit meinem Bildmaterial eine ausgesprochen schöne Form gegeben. Die Gastbeiträge der Vermittlerin und Künstlerin Patricia Hujinen, der Kuratorin Dina Ehrenfreund und des israelischen Kunsthistorikers und Kurators Hagai Segev, haben das Buch bereichert. Vaterland, Tochterland, Daughterland: es ist Zeit, dass die Töchter ihre Geschichten erzählen.
Mich interessiert auch diese Bewegung zwischen Erinnern und Erfinden, zwischen dem, was war, und dem, was nicht mehr zugänglich ist: Arbeitest Du gegen das Vergessen an, kämpfst Du gegen das Verschwinden, oder akzeptierst Du, dass bestimmte Dinge nicht mehr rekonstruierbar sind und gerade deshalb in Bildern eine andere, vielleicht stärkere, vielleicht auch schmerzhaftere Form annehmen?
In meiner Arbeit geht es vorwiegend um subjektive Erinnerungsarbeit. Dabei werden persönliche Erlebnisse, Emotionen und Biographische Fragmente ins Zentrum gerückt, um sie so von der Vergangenheit in die Gegenwart zu überführen, die eigene Lebensgeschichte zu ordnen ist ein Begleiteffekt. Kreation von Kunst, um sich seiner selbst zu vergegenwärtigen. Bsp. rumänische Bluse, ein Geschenk des Grossvaters, die eine Brücke bildete zwischen dem Aufwachsen in der Schweiz und einer anderen Welt, der Vorfahren. Ich beschäftige mich in meinen Werken mit deren Prägung und sehe mich als Zwischenglied zwischen der Welt meiner Grosseltern und Eltern, sowie derjenigen der jüngeren Generation unserer Söhne: Dor v’dor…
Und wenn Bilder entstehen, wenn sie sich zeigen, wenn sie sich behaupten, können sie dann heilen, können sie beruhigen, oder legen sie nicht vielmehr frei, was nicht heilt, was offen bleibt, was weiterarbeitet?
R.H. Ich erlebe dies vielmehr als Klärung und Integration von vielfältigen Gefühlen zu denen sowohl Schmerz, Trauer aber auch Freude und Geborgenheit gehört.
Wenn wir über den Körper sprechen, und wir müssen über den Körper sprechen, gerade in einer Zeit, in der Körper verletzt, verändert, operiert, ausgeliefert werden, frage ich Dich: Was geschieht mit Identität, wenn der Körper sich radikal verändert, wenn er sich nicht mehr als stabiler Ort erleben lässt, sondern als etwas Fragiles, Angegriffenes, vielleicht auch Fremdes.
R.H. Unsere Identität wird im Laufe des Lebens durch persönliche Erlebnisse und soziale Interaktionen geformt und verändert. Solche wie von dir beschriebenen Ereignisse stellen eine enorm verunsichernde Herausforderung für die Betroffenen dar. Die Bewältigung einer solchen Erfahrung hängt von der Resilienz/ Widerstandsfähigkeit der Person ab, aber auch vom Umfeld. Deshalb ist es mir ein besonderes Anliegen im Programm des Ausstellungsraums balagan ARTS, den ich vor sechs Jahren gegründet habe und leite, Tandemausstellungen durchzuführen. Das sind Ausstellungen an denen jeweils eine geflüchtete Künstlerin und eine Künstlerin, die schon länger in der Schweiz lebt, beteiligt ist. Balagan kommt aus dem Hebräischen und ursprünglich aus dem Polnischen, wie ich erst später erfahren habe. Es bedeutet so viel wie Wirrwarr, Chaos: um Neues zu kreieren, brauchen wir Chaos.
R.H. Ist der weibliche Körper in Deiner Arbeit ein Ort der Erinnerung, ein Speicher von Geschichte, von Erfahrung, oder ist er ein Ort des Konflikts, der Auseinandersetzung, der Unruhe, in dem sich gesellschaftliche, politische, intime Spannungen verdichten?
Ich denke sowohl als auch. Einerseits beschäftige ich mich intensiv mit sinnlichen Erinnerungen, was sich in meiner mehrjährigen malerischen Auseinandersetzung mit Stoffen von alten Toravorhängen aus Osteuropa gut zum Ausdruck kommt. Diese Erinnerungen sind körperlich gespeichert und betrachte ich als unglaublichen kulturellen Schatz. Andererseits schlägt sich die Fluchtgeschichte der Familie väterlicherseits, sie mussten 1938 Wien verlassen, weil sie Juden waren und blieben auf der Durchreise in der Schweiz stecken, da die Grenzen zugingen. Ein Glück für sie, obwohl sie den ganzen Krieg über von Ausweisung bedroht waren. Durch meine Kunst habe ich die Möglichkeit, diese und andere Erfahrungen in etwas Neues zu transformieren. Kreieren kommt von Creare gebären/ erschaffen und ist somit eine grundsätzlich weibliche Erfahrung.
Und weil Deine Arbeit nicht im luftleeren Raum entsteht, sondern eingebettet ist in Geschichte, in jüdische Erfahrung, in europäische Gegenwart, möchte ich Dich fragen, wie sich diese Dimension in Deinem Arbeiten zeigt: Trägst Du diese Geschichte bewusst, reflektiert, suchend, oder arbeitet sie in Dir, unbewusst, fragmentarisch, manchmal widersprüchlich, manchmal klar, manchmal kaum benennbar?
R.H. Ich hatte die Chance durch die Teilnahme an Tagungen Reisen in die Herkunftsländer meiner Vorfahren mütterlicherseits und väterlicherseits verbinden zu können. So fuhr ich nach Polen, Wroclaw, und von Belgrad aus nach Rumänien, Timisoara, sowie mehrmals nach Wien. Diese Reisen waren für mich sehr klärend, weil ich meine kulturellen Prägungen besser nachvollziehen und sie dadurch bewusst machen konnte. Dabei wurde mir aber auch schmerzlich bewusst, was fehlt, respektive was durch die weitgehende Auslöschung jüdischen Lebens in Süd- und Osteuropa verloren gegangen ist.
Und wie erlebst Du Europa, die Schweiz heute, als Raum, der jüdische Erfahrung versteht, aufnimmt, schützt, oder als Raum, der sie rahmt, codiert, verschiebt, vielleicht auch verdrängt?
Die Schweiz tat sich schon immer schwer in der Auseinandersetzung mit dem Andersartigen, so ist es zwar schmerzlich aber nicht weiter erstaunlich, dass es keine Thematisierung, geschweige denn Auseinandersetzung mit dem Thema der zweiten Generation nach der Shoa gibt. Die Ereignisse infolge des siebten Oktobers führten weiter aktuell auch hierzulande zu einer Isolation der jüdischen Bevölkerung und grosser Verunsicherung. Dies betrifft nicht nur die religiöse Minderheit, sondern auch uns säkulare Jüd:innen. Ja, wir fühlen uns nicht mehr sicher und es gilt ständig abzuwägen, worüber zu sprechen ist und worüber nicht. Das Besprayen von fünf Galerien in Zürich, deren Inhaber oder Ausstellende jüdisch waren, hat auch uns bei balagan ARTS veranlasst uns sicherheitstechnisch instruieren zu lassen. Es gibt G-sei dank in der Oeffentlichkeit Exponenten, die sich auch für die Sicherheit von unsereins einsetzen. Im Alltag fühle ich mich aber ziemlich allein gelassen. Nicht nur in Künstlerkreisen. Einmal mehr zeigt sich, wer die wirklichen Freund:innen sind, auf wenn Verlass ist und auf wen nicht. Dieses Wiedererwachen des Antisemitismus ist enttäuschend, er war ja auch in der Schweiz nie wirklich weg, aber die Heftigkeit ist schon erschütternd. Was mir besonders zu schaffen macht, ist das Schweigen und kommentarlose Übergehen zur Normalität. Wie wenn unsere Erfahrung nicht zählen würde.
Du arbeitest als Künstlerin und als Kunsttherapeutin, und gerade diese Doppelbewegung interessiert mich sehr: Wo endet für Dich das Heilen, wo beginnt die Wahrheit, wo kippt das eine ins andere, wo widersprechen sie sich vielleicht sogar? Geht es Dir darum, etwas zu beruhigen, etwas zu ordnen, etwas zu integrieren, oder geht es Dir darum, sichtbar zu machen, offenzulegen, auszuhalten, auch dann, wenn es nicht auflösbar ist, wenn es nicht heilbar ist?
R.H. Wie ich vorgängig ausgeführt habe, gilt es dabei sicher etwas zu ordnen. Dann ist es aber bestimmt eine gewisse Art durch die Welt zu gehen und Erfahrungen zu verarbeiten. An Heilung glaube ich in diesem Sinne nicht, vielmehr an Integration von schmerhaften oder traumatischen Erfahrungen. Die Kunst kann eine Brücke sein, Dinge auszudrücken, die entweder vorsprachlich sind oder durch Sprache nicht in derselben Art ausgedrückt werden können. Bei meiner Arbeitsweise ist aber Sprache immer auch Teil des Prozesses. Deshalb habe ich an mehreren Stellen auch mit kulturellen Mediator:innen zusammengearbeitet.
Kommen wir zum Material: Textil, Stoff, Faden:
R.H.Meine Auseinandersetzung mit Stoffen nahm seinen Anfang in meinen ethnologischen Untersuchungen der Stoffe der Beduininnen im Sinai zu Studienzeiten. Die Verwendung von bereits vorhandenen Textilien wie in meiner Serie zu den Kasperlfiguren, die meine Grosseltern im Schweizer Exil geschaffen haben, das Nähen von verschiedener Materialen, das malen der erwähnten sakralen Stoffe beschäftigt mich seit langem und hat mich auch meiner Grossmutter mütterlicherseits nahegebracht, die diesbezüglich sehr begabt sein gewesen sein soll. In unseren Breitengraden gilt das Textile als weibliche Kulturtechnik, in anderen Kulturkreisen ist das anders. Ich beobachte, dass meine Verwendung von Stoffen in meinen Werken die Besucher:innen besonders anspricht. So hatte ich in Ausstellungen schon sehr berührende Begegnungen, in denen es um eigene Erfahrungen mit Textilien ging. In einem solchen Moment bin ich besonders glücklich, da es in der Kunst ja schliesslich auch um Dialog geht.
Beitragsbild verschwommen, Bildschirmfoto als Verbindung von laStaempfli von real und digital, August 2026. Die Unschärfe, die Schrägheit ist gewollt.
Eine Korrektur zum mündlichen Gespräch: Regula Stämpfli interpretiert den Gesang des Urgrossvaters von Ruth E. Herzka als „progressiv“, was falsch ist. Dies ist falsch. Es gibt in keine Instrumente in der orthodoxen Gemeinde. Regula Staempfli bittet um Verzeihung dieser Interpretation, die von ihr stammt und nicht von Ruth E Herzka.
Das Buch ist in allen Buchhandlungen bestellbar. Es ist wunderschön, äusserst klug und sehr inspirierend. Gehört in jeden kunstafinen und historisch interessierten Haushalt.
