






Regula Stämpfli traf die grosse zeitgenössische, internationale Künstlerin Ilana Lewitan zum zweiten Mal zu einem ausführlichen Werkgespräch. Anlass sind die neuen Werke der jüdischen Künstlerin, die vom 10.-31.10.2026 in Wien ausgestellt werden.
Zur Ausstellung hat Dr. Regula Stämpfli Politphilosophin, Podcaster von artisapieceofcake.art sowie selber Kunstsammlerin, einen eigenen Werktext für Ilana Lewitans neue Arbeiten verfasst. Copyright Regula Staempfli, Munich 2026.

„Erinnerung ist bei der international bekannten Münchner Küstlerin Ilana Lewitan kein Archiv, in dem die Vergangenheit ordentlich beschriftet und sicher verwahrt liegt. Lewitans künstlerisches Werk und Erinnerung sind in Bewegung. Vergangenheit taucht auf, die Gegenwart entzieht sich, beides setzt Bilder frei und verwischt im selben Moment eindimensionale Spuren. Lewitans Werk folgt keiner Chronologie, es ist kein Erzählen, sondern die Kunst der Kunst, wo das Werk aus sich, durch die Künstlerin und mit dem Publikum noch kreativer wird. Was wir zu wissen glauben, stimmt selten vollständig mit dem überein, woran wir uns erinnern und was dies für die Gegenwart bedeutet. Bei Lewitans Werk wirkt Manches fort, das wir erst jetzt wahrnehmen können.
Genau in diesem Zwischenraum entstehen die Arbeiten von Ilana Lewitan: zwischen Wissen und Erinnerung, zwischen dem Gesagten und dem Verschwiegenen, zwischen einer historisch beglaubigten Vergangenheit und ihrer kaum greifbaren Gegenwart im eigenen Leben.
Die neuen kleinformatigen Bilder wirken wie innere Landkarten. Wälder, leere Stühle, isolierte Hände, menschliche Körperfragmente, Tiere, Kreise, Augen und rätselhafte Apparaturen begegnen einander in offenen Bildräumen. Nichts ist hier vollständig ausformuliert. Gemaltes, Gezeichnetes und fotografisch Wirkendes überlagern sich, ohne sich zu einer geschlossenen Erzählung zu fügen. Die einzelnen Elemente scheinen Verbindungen anzubieten, widersetzen sich aber einer endgültigen Deutung. Sie verhalten sich darin wie Erinnerungen und Gegenwart: Ein Gegenstand ist plötzlich ganz deutlich, während der Zusammenhang, in dem er einst stand, verloren gegangen ist.
Man könnte diese Arbeiten auch als Topografien des inneren Lebens deuten. Da gibt es Wege, die nirgendwohin führen, Waldstücke ohne erkennbaren Horizont, Räume ohne sichere Begrenzung und Figuren, von denen nur einzelne Körperteile sichtbar bleiben. Der Mensch ist anwesend, aber selten vollständig. Eine Hand hebt sich, zeigt, hält oder warnt. Ein Fuss berührt den Boden. Ein Gesicht erscheint in einem umschlossenen Bildraum. Eine Gestalt steht am Rand, als gehöre sie bereits einer anderen Zeit an. Immer wieder stellt sich die Frage: Wer betrachtet hier wen? Sehen wir ein Bild an – oder werden wir aus dem Bild heraus beobachtet?
Die zahlreichen kreisförmigen Zeichen verstärken diese Ungewissheit. Sie können Augen sein, Lupen oder Erinnerungslinsen, durch die Einzelheiten vergrössert werden. Sie erinnern an Markierungen auf alten Fotografien, an Zielscheiben oder an Löcher in einer Oberfläche. Manchmal scheinen sie etwas festhalten zu wollen, manchmal bezeichnen sie gerade das Fehlende. Sie strukturieren den Blick und führen ihn zugleich in die Irre. Denn Erinnerung zeigt uns niemals das Ganze. Sie richtet unsere Aufmerksamkeit auf einzelne, oft nebensächlich wirkende Details – und erklärt gerade diese zu Trägern einer ganzen Geschichte.
Auch die weissen Flächen sind nicht einfach Hintergrund. Sie sind ein wesentlicher Teil der Komposition. Das Weiss trennt, schützt und isoliert. Es gibt den Bildern Luft, aber es verweist auch auf Auslassung. Hier fehlt etwas. Hier wurde etwas nicht gemalt, nicht ausgesprochen oder noch nicht erinnert. In diesen offenen Flächen bekommt die Stille eine sichtbare Form. Sie ist weder leer noch friedlich. Sie bewahrt, was nicht ohne Weiteres zur Sprache kommen kann.
Lewitans Kunst ist biografisch grundiert, ohne sich in Biografie zu erschöpfen. Als Tochter polnischer Überlebender der Shoah wuchs sie mit einer Vergangenheit auf, die zugleich allgegenwärtig und verschwiegen war. Erst mit fast sechzig Jahren erfuhr sie, was ihr Vater lange verborgen hatte. Ein solches Wissen fügt der eigenen Lebensgeschichte nicht einfach ein neues Kapitel hinzu. Es verändert rückwirkend die vorhergehenden Kapitel. Frühere Gesten, Ängste, Sätze und Formen erhalten plötzlich eine andere Bedeutung. Auch das Schweigen selbst wird lesbar.
Ein Schlüssel zu Lewitans Werk liegt in den Titeln. Was uns im Innersten berührt. Wo die Stille wohnt. Zwischen Wissen und Erinnerung. Ein Ort zum Verweilen. Wohin die Gedanken auch immer hinführen. Was die Stille bewahrt. Zwischen Nähe und Ferne. Schreibe mir einen Liebesbrief. Dort, wo die Erinnerung beginnt. Am Rande der Erinnerung. Auf der Durchreise. Wo Traum und Liebe sich begegnen.
Diese Titel sind keine Bildbeschreibungen. Sie schreiben nicht vor, was wir sehen sollen. Vielmehr öffnen sie einen zweiten Bildraum: einen literarischen, poetischen Raum neben der Malerei. Sie klingen wie Sätze aus einem Gespräch, das unterbrochen wurde, wie Botschaften an einen abwesenden Menschen oder wie Zeilen aus Briefen, deren Empfänger vielleicht nicht mehr erreichbar sind. Manche Titel stellen einen Ort in Aussicht, ohne ihn geografisch festzulegen. Wo wohnt die Stille? Wo beginnt Erinnerung? Wo liegt der Rand dessen, was erinnert werden kann?
Nicht übersehen werden darf wie sinnlich Lewitans Werk ist. Lewitans Farben besitzen eine eigenständige Kraft. Türkis, Blau, Rosa, Rot, Grün und Schwarz stehen nicht bloss im Dienst eines biografischen oder historischen Inhalts. Sie erzeugen Reibung, Temperatur und Rhythmus. Das leuchtende Türkis kann eine Landschaft öffnen und sie im nächsten Moment unwirklich erscheinen lassen. Rosa trägt Zärtlichkeit und Künstlichkeit zugleich. Rot ist Lebensfarbe, Warnsignal und Wunde. Schwarz begrenzt, verschattet und hält die übrigen Farben zusammen. Farbe, Titel, Werk führen uns zur Kunst, dort, wo Wissen seine Sicherheit verliert, Erinnerung zu sprechen beginnt und die Gegenwart immer wieder neu gesehen, gedacht und gemalt werden kann.“
